• 2807 Kurse
  • 96 Anbieter
  • 5066 Erfahrungsberichte
Suchen Sie direkt nach Ihrem Fernstudium:
Kurse Menü Suche

Gedächtnisverlust

02. Dezember 2016 von in Hanebüchen

Mensch gegen Maschine? Oder Maschine für den Menschen? Die Veränderung unseres Alltags durch die zunehmende Digitalisierung war kürzlich Themenwoche in der ARD.  Die Gefahr der Rationalisierung von Arbeitsplätzen wurde da beschrieben. Aber auch die neuen Möglichkeiten für Hilfebedürftige.

Auf der einen Seite sprechen Skeptiker von der Schaffung eines neuen digitalen Gottes, der uns sämtliche Handlungsprozesse im Alltag abzunehmen droht. Vor einer neuen spielsüchtigen Daddel-Generation wird gewarnt, die sich nicht mehr am Stück konzentrieren könne. Andererseits wird darauf aufmerksam gemacht, dass diese technischen Entwicklungen unumkehrbar seien und die zukünftigen Generationen keine Chance haben, wenn sie sich nicht mit dem neuesten Stand mitentwickelten. Wir stehen wie immer vor der Frage: Ist die unaufhaltsame Digitalisierung Fluch oder Segen? Oder beides zugleich?

Der Schachweltmeister Magnus Carlsen

Vor Tagen ist die Schachweltmeisterschaft in New York zu Ende gegangen. In vier Schnellschachpartien wurde die Entscheidung zwischen dem Norweger Magnus Carlsen und dem Russen Sergej Karjakin ausgespielt.  Der alte Weltmeister Magnus Carlsen ist der neue. In den zwölf regulären Partien zuvor hatte es keinen Sieger gegeben. Interessant ist das Duell nicht zuletzt deshalb gewesen, weil das 26-jährige Wunderkind Magnus Carlsen eine Schachgeneration vertritt, die ihr Spiel von Beginn an mit digitalen Schachcomputern weiterentwickeln konnte.  

Das Besondere an Magnus Carlsen ist, dass er das alleinige Lernen des Spiels mit Computern ablehnt, selbst in seiner Spielweise  einen großen Schuss menschlicher Intuition zeigt und immer wieder Züge findet, die die Engines (Computer) nicht sehen.  Für mich als leidenschaftlicher Schachspieler ist das faszinierend, zeigt es mir doch, dass Intelligenz mehr ist als eine von Hochleistungsprozessoren angetriebene Denkmaschine.

Wie funktioniert unser Gehirn?

Es gehört zum Altern des Menschen, dass sein Gehirn mit der Zeit an Speicherkapazitäten verliert, das Gedächtnis nebensächliche Ereignisse mit der Zeit rausschmeißt, andere wiederum umso verkrampfter festhält. Wir wissen aus archaischen Gesellschaften, dass Traditionen immer mündlich überliefert wurden, so Handwerkskunst und mystische Geschichten von Generation zu Generation über Jahrhunderte im Kern weitererzählt und weitererinnert wurden.

Mit dem Einzug der Schriftkultur in die europäische Geschichte haben sich erst bei uns neue Möglichkeiten der Archivierung von Informationen ergeben. Die Erfindung des Buchdrucks war zweifellos von enormer Bedeutung. Sie hat unsere geistig intellektuellen Möglichkeiten erweitert. Das hängt eng mit der Lesefähigkeit des Menschen zusammen, die ein aktiver Aufnahmeprozess des Gehirns ist.

Die Digitalisierung von Informationen und Arbeitsprozessen hingegen scheint eine andere Wirkung zu haben. Sie „entlastet“ den Menschen und versetzt das Gehirn zunehmend in den Ruhestand. Und was nicht gebraucht wird, stirbt ab.

Kopfrechnen oder Taschenrechner?

Wenn ich einen Taschenrechner habe, brauche ich das Kopfrechnen nicht mehr. Ich war mal sehr gut im Kopfrechnen. Neulich, als ich keinen Taschenrechner zu Hand hatte, stellte ich mit Erschrecken fest, wie schwer es mir fiel, bestimmte Zahlen mit dem Kopf zu rechnen. Am gleichen Tag suchte ich nach altbekannten Telefonnummern, die ich früher noch automatisch im Kopf hatte. Am Abend saß ich mit Freunden zusammen, und bei den alten Geschichten, die üblicherweise bei solchen Treffen aufgekocht werden, war uns der Nachname eines früheren Freundes entfallen. 

Daraus entstand eine Diskussion darüber, wie sehr uns Computer und Mobilgeräte Erinnerungs- und Gedächtnisleistungen heute abnehmen, wie bequem wir geworden sind, wie unfähig, uns noch an einem Stück zu konzentrieren. Jeder kann sich selbst mal überprüfen, inwiefern sie oder er noch in der Lage ist, sich an Dinge von vorgestern ohne technische Hilfsmittel zu erinnern.

Die Dosis macht das Gift

Die Digitalisierung erleichtert unseren Alltag ungemein. Man kann nicht strikt dagegen sein. Aber wie immer: Die Dosis macht das Gift. Und wenn eine Grundtugend wie Geduld in der pädagogischen Erziehung zu Hause oder in der Schule mit zunehmendem Automatikbetrieb auf allen Seiten abhandenkommt, verlieren die neuen Generationen eine unentbehrliche  Lernvoraussetzung: Zeit, sich mit Inhalten wirklich zu befassen und auseinanderzusetzen.

Ich sehe, wie heftig der Abrieb zwischen Eltern und Kindern und Lehrern und Schülern heutzutage ist. Weil alles so verflucht schnell läuft, so verflucht schnell laufen muss, drohen diejenigen die Dummen zu werden, die als Mensch noch anders  ticken und mehr Zeit brauchen. Eine kalte, digitale Wirtschaft und Gesellschaft lässt Kinder und ältere Menschen links liegen.

In der Weihnachtszeit gibt es Gelegenheit zur Besinnung. Fürs Neue Jahr wünsche ich mir, dass man sich überlegt, Schach zum Pflichtfach in der Schule zu machen. Dieser Sport übt nicht nur Geduld und Konzentrationsfähigkeit, sondern fördert insgesamt das eigene Denken. Das ist in Zeiten wie heute dringender denn je erforderlich.

Neuen Kommentar schreiben