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Selbststudiengang Erholung

10. November 2016 von in Hanebüchen

Die Produktivität wächst und hinterlässt beim Menschen Lücken. Über diesen Satz muss man erst einmal nachdenken. Als ich ihn beim Arzt in einer Boulevardzeitschrift las, fragte ich mich, welche Lücken das sein könnten. Der Artikel handelte über die modernen Stressphänomene, darüber, dass wir jeden Tag tun und laufen, bis der Arzt kommt. Und dass in den kurzen Ruhephasen der Körper weiterhin auf Stress konditioniert ist. Abschalten können Sie woanders. Dieser bekannte Claim fiel mir prompt ein. Und dann dachte ich darüber nach, wie es wäre, wenn man sich mal für einen Tag vornimmt, nur zehn Handlungen zu verrichten. Gesagt, versucht.

Das Dilemma der Definition

Ist –  Im Bett liegen –  eine Handlung? Und das Fernsehgucken? Dazu gehören ja schon diese Tuwörter. Meine Strategie war es, zumindest den halben Tag im Bett zu liegen. Ich wollte mich nicht betrügen, einen ehrlichen Versuch starten. Doch Handlungen zu definieren fiel mir sehr schwer. Schließlich definierte ich den Begriff Handlung so: „Handlungen sind alle bewusst eingeleiteten Vorgänge, die auf den Willen des Menschen beruhen und seinen unmittelbaren Einfluss brauchen.“ Zum Fernsehgucken gehört es, den Knopf einzuschalten. Zum – Im Bett liegen – braucht es dagegen nicht viel.

Das Tuwort liegen gehört in die Kategorie der passivsten Verben, die es überhaupt gibt. Also keine Handlung im definierten Sinne. Leider merkte ich im Bett schnell, dass Beine kratzen oder sich drehen eindeutig zu bewussten Handlungen gezählt werden müssen. Ausgerechnet der Ort, der die meiste Ruhe verspricht, drohte meinen Erfolg zu gefährden. Ich stieg aus dem Bett und war schon bei genau drei Handlungen angelangt. Kratzen, drehen, aus dem Bett steigen. Die Uhr klopfte zur Mittagszeit.

Fluch und Segen der Meditation

Yoga ist gerade in. Das ist es. Ich dachte mir: Du musst es schaffen, den ganzen Nachmittag ohne Bewegung zu meditieren. Meditieren ist eine bewusste Handlung. Zum Sofa gehen, sich aufs Sofa legen auch. Die Decke anstarren nicht, denn was will man aktiv gegen die offenen Augen tun? Augen schließen wäre wieder eine Handlung.

Der Augenaufschlag ist dagegen eine vom Körper vorgegebene Notwendigkeit. Fast wollte ich meinen Plan umsetzen, als mir auffiel, dass im Bett liegen oder auf dem Sofa liegen und meditieren so ungefähr dasselbe sind. Eigentlich ein nahe liegender Gedanke, der allein vom Wort Meditation mit all seiner ruhestrahlenden Wirkung in der Verknüpfung blockiert wurde. Mein Selbstversuch drohte zu scheitern.

Der unbewusste Ausweg

Zwischenzeitlich und ganz plötzlich, wie es aus dem Nichts, hatte ich mein Ziel aus den Augen verloren, die Zähne geputzt, mich angezogen, das Bett gemacht, die Rolladen hochgezogen, die Fenster aufgerissen, die Teller vom Vortag in die Spülmaschine geräumt, den Tisch abgewischt…und alles das ganz unbewusst…ich erschrak…und atmetet schließlich erleichtert auf, weil mir bewusst wurde, dass alle diese Handlungen automatisch und unbewusst passiert sind.

Aber bald kam ein weiterer Gedanke hinzu…wenn das einfach so passiert –  ja, wie viele Handlungen am Tag sind denn dann rational und bewusst gesteuert? Ich stellte fest, dass nur ein Bruchteil der Handlungen am Tage bewusst gesteuert sind, etwas, das vermutlich Menschen wie Sigmund Freud schon längst beobachtet haben.

Keine Zeit für mich

Nach diesem Tag des Selbstversuchs frage ich mich, ob wir Menschen deswegen häufig das Gefühl haben, keine Zeit für uns zu haben, weil wir wie Maschinen angelerntes Verhalten umsetzen und in der bewussten Zeitphase noch ständig meinen, fremdgesteuert zu sein? Keine Zeit haben ist in Mode und hört sich nach einer Bedeutung an. Mit der Zeit bewusst umgehen ist schwierig geworden. Ständig sind wir in Betriebsbereitschaft, ständig versuchen wir, die Lücken zu füllen, die die zunehmende Produktivität hinterlässt. 

Und Erholung ohne Tätigkeit? Die gibt es nicht und hat es auch vielleicht auch nie gegeben. Das heißt aber doch mit anderen Worten: Wir sind in der zunehmenden Automatisierung dabei, uns selbst aufzugeben, den Sinnkern unseres Lebens zu verlieren. Neben ausgehöhlten, sozialen Kontakten, die mit den vorgesteuerten und definierten Prozessen verschwinden werden, läuft unser Leben radikal gedacht auf die komplette Arbeitslosigkeit zu. Und wenn man einmal erfahren hat, wie wenig Handlungen am Tag bewusst stattfinden, wie viele irrational und unbewusst geschehen, dann fragt man sich schon, ob wir alles im Griff haben können, ob wir wirklich alles planen und steuern können. Diogenes in der Tonne war jedenfalls ein weiser Mann. Er hat sich für den Tag nichts vorgenommen.

 

Kommentare

Geht es um die "zunehmende Automatisierung", zum Beispiel wenn es um soziale Kontakte geht, oder geht es darum, dass wir Menschen "wie Maschinen angelerntes Verhalten umsetzen"?
Der Autor ist wohl ein ordentlicher Mensch, denn durch die von ihm geschilderten nicht bewussten Handlungen hat er seine Wohnung aufgeräumt. Aber auch das Meditieren ist eine Handlung die erlernt werden muss. Erst dann kann es einem "Segen oder Fluch" sein und nicht schon, wenn man bloß über eine Sache nachdenkt, die man noch nicht erlernt hat.
Es kommt also darauf an, welche Handlungen es sind, die man so verinnerlicht hat, dass sie ganz von selbst ablaufen können. Das Aufräumen musste schließlich auch ersteinmal erlernt werden und es gibt auch Menschen die es aus bestimmten Gründen wieder verlernen. Ich würde sagen, zum Glück können wir Handlungsläufe bis zur Perfektion erlernen und maschinengleich abspulen und zum Glück besitzen wir überdies ein Bewusstsein und Urteilsvermögen um Entscheidungen zu treffen.

Ich denke, die Grenze zwischen dem Bewussten und dem Unbewussten ist deswegen leicht zu übersehen, weil wir sie ständig in beide Richtungen überqueren. Ein Grund für Sinnverlust ist das nicht. Allerdings können wir einem solchen auch wieder mit zwei unterschiedlichen Stratgien begegnen: unbewusstes Kompensieren oder bewusste Auseinandersetzung und bewusstes Entscheiden und Handeln.

Hallo Jan,

vielen Dank für deinen Kommentar. Du fragst: "Geht es um die "zunehmende Automatisierung", zum Beispiel wenn es um soziale Kontakte geht, oder geht es darum, dass wir Menschen "wie Maschinen angelerntes Verhalten umsetzen"?

Es geht um beides, eben um die Wechselwirkungen von Mensch und Technik. Vieles läuft bei uns im Unterbewusstsein ab oder ist dahin verschoben worden. Dazu gehören angelerntes Verhalten aus der Kindheit oder auch soziales Bildungslernen aus der Schulzeit. Interessant ist wirklich, was du zum Schluss ansprichst...wie erkennt man fließende Grenzen zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein?

Viele Grüße,
Christian (i.A.) :-)

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