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Wie Flüchtlinge Deutsch lernen

28. Dezember 2016 von in Hanebüchen

Eine Million Flüchtlinge sind allein 2015 nach Deutschland gekommen. Zum überwiegenden Teil stammen sie aus den Bürgerkriegsländern Syrien und Irak. Ihre Muttersprache ist Arabisch. Ihre Erfahrungen, die sie mitgebracht haben, sind furchtbar. Sie haben den Tod von Familienangehörigen gesehen, haben selbst Todesängste durchgestanden und sind geflüchtet, weil ihnen alles genommen wurde, weil alles zerstört wurde. In Deutschland wird ihnen der Antrag auf Asyl gewährt, weil Deutschland neben vielen anderen Staaten die Genfer Flüchtlingskonvention unterzeichnet hat. Als neue Mitbürger müssen sie in Deutschland die Sprache erlernen. Das ist nicht immer ganz einfach.

Hamza, 22 Jahre alt, flüchtete Ende 2015 aus Homs

Als ich Hamza im Sommer 2016 treffe, müssen wir uns in englischer Sprache unterhalten. Ich bin etwas erstaunt, wie gut sein Englisch ist. Er sei in Homs Geschäftsmann gewesen und habe das Geschäft seines Onkels übernommen. Mehr will er dazu nicht sagen. „Überall sind die Ohren des Terrors“, fügt er kurz hinzu. Er sagt mir, dass er einen Anfängerkurs in Deutsch besucht habe, nun auf den Folgekurs warte. Leider ist der aus organisatorischen Gründen auf den Oktober verschoben worden. „Das ist nicht gut“, sagt er. „Ich will schneller lernen und hier Arbeit finden.“ Homs ist eine Rebellenhochburg gewesen, die von den Assad-Truppen komplett zerbombt wurde. Seine Frau und sein Kind hat er zu Verwandten in den Südlibanon geschickt. Er ist Schiit, aber in erster Linie Mensch und Familienvater, wie er betont. Frau und Kind sollen nach Deutschland kommen, sobald er Arbeit gefunden hat. Jetzt verzögert sich alles, und man merkt Hamza an, wie er leidet. Einmal die Woche telefoniert er mit seiner Frau Samira und seinem Sohn Nabil.

Hamza wohnt in einer Flüchtlingsunterkunft und wartet wie so viele auf eine neue Chance. Das geht nur über die Sprache, aber viele Kursträger und Kurse in Deutschland sind überfordert, denn es fehlt an ausgebildeten Lehrern. Die Qualifikation als deutscher Muttersprachler reicht nicht aus. Hamza beschreibt, wie die Situation im Kurs mit fünfundzwanzig Teilnehmern am ersten Tag war: „Viele gähnten, waren abwesend. Ich glaube, manche konnten nicht einmal das deutsche Alphabet. Und dann diese Aussprache. Die arabische Sprache kennt keine Umlaute. Deutsch ist für uns daher sehr schwierig.“ Wenn man weiß, dass Menschen aus den arabischen Ländern noch sehr stark über das Gehör lernen, weiß man auch, dass eintöniger Tafel- oder Kursbuchunterricht nicht die zielführende Methode ist.

Die Stimmung ist schlecht, die Bezahlung verheerend

Hamza ist nur ein Beispiel von vielen. Deutschland ist auf diesen Ansturm von Flüchtlingen nicht vorbereitet gewesen. Ich frage beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge an und möchte wissen, wie man sich das auf Dauer personell vorgestellt habe und warum es teilweise so lange Pausen zwischen den Kursen gebe. Eine Referentin, die nicht genannt wird, teilt mir mit, dass es ohne eine erhebliche finanzielle Aufstockung nicht gehen wird. „Neben dem Mangel an ausgebildeten Kräften finden wir auch keine Lehrer mehr, die für das Geld arbeiten.“

32 Euro brutto pro Stunde verdienen ausgebildete Lehrer und Lehrerinnen für Deutsch als Fremdsprache. Das hört sich gut an. Ist es aber nicht, denn in der Regel arbeiten sie als Selbständige. Nach Abzug aller Sozialversicherungen sowie Fahrtkosten bleibt den Lehrkräften meist nicht mehr als 10 Euro netto. Jeder kann sich ausrechnen, wie viele Stunden wöchentlich nötig sind, um Miete und Lebensunterhalt gerade einmal absichern zu können. Die Stimmung ist entsprechend schlecht.

Hinzu kommen Schwierigkeiten im Unterricht. Bei überfüllten Kursen kommt es immer wieder zu Konflikten, die man nicht vorhersehen kann. Beispielsweise, wenn ein Schiit das Buch mit einem Sunniten teilen soll. Was vor und nach den Kursen an Informationen untereinander ausgetauscht wird, bekommt die Lehrkraft nicht mit. Die Unterrichtssituation gerade für weibliche Lehrkräfte kann sehr belastend sein. 

Integration durch bürgerliches Engagement

Positiv wirkt sich die aktive Integrationsarbeit vieler Kommunen aus. Die offene Aufnahme in Sportvereinen, die persönliche Begegnung und das Gespräch vermitteln den neuen Mitbürgern auf informelle Weise wichtige Deutschkenntnisse. Diese flankierenden Maßnahmen ersetzen nicht die Sprachkurse, helfen aber dabei, die Fremdheit abzubauen, die Lernmotivation der neuen Mitbürger zu steigern. In der arabischen Kultur spielen die persönlichen Bindungen noch eine viel größere Rolle als bei uns. Viele Ehrenamtliche haben die Erfahrung gemacht, dass sie bei ihrer tatkräftigen Unterstützung schnell zur Schwester oder zum Bruder wurden. So sind schon jetzt viele neue Familien entstanden.

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