• 2807 Kurse
  • 96 Anbieter
  • 5066 Erfahrungsberichte
Suchen Sie direkt nach Ihrem Fernstudium:
Kurse Menü Suche

Arbeit und Weiterbildung

24. August 2016 von in Hanebüchen

Menschen um 6:30 Uhr auf dem Weg zur Arbeit. Haltepunkt Bäckerei. Schnell reinhuschen und raushuschen. Coffee to go, der zum Coffee to drive wird und in der Halterung am Gangknüppel einen unruhigen Platz findet. Im Auto das frisch belegte Brötchen zwischen den Zähnen, während die rechte Hand in die Gänge kommt, die linke das Lenkrad durch Kurven bewegt. Jede rote Ampel ein Biss. Bei zehn Ampeln, von denen durchschnittlich fünf rot sind, ist das Brötchen im Magen. Klare Planung ist alles. Zwei Brötchen machen die Ampeln nicht mit. Dann noch auf dem Parkplatz der Firma eine erste Kundenanfrage per SMS beantworten und kurz rülpsen. Eine Minzpastille für den guten Atem.

Im Büro

Der Spamordner ist zu Wochenbeginn wieder voll. Die Spammer haben Zeit. Man nicht. Man ist der Durchschnitt der arbeitenden Bevölkerung. Wenn man mal nichts zu tun hat, hat man was zu tun. Man muss. Ansonsten ist man überflüssig. Das darf nicht auffallen. Deswegen hat man immer mehr als zu tun. Die erste Wochenbesprechung in der Abteilung zieht sich dahin. Projekte werden verteilt. Ein Protokollant, auch Mitarbeiter oder Kollege genannt, wacht streng darüber, dass die anliegenden Punkte genau abgearbeitet werden, keine ausufernden Beiträge den zügigen Ablauf stören. Punkt 9:15 Uhr geht es zum Platz zurück. Zwei unangenehme Kundengespräche. Man ist vorbereitet. Es wird Tacheles geredet. Das Frühstück  ist gegessen und kann zur Arbeitszeit werden. Der Kollege XY ist fleißig. Er macht nie Pause und arbeitet durch. Mittagspause Fehlanzeige. Ein Termin bei einem Kunden vor Ort. Der ist wichtig. Jeder Termin ist wichtig, aber dieser ganz besonders. Der nächste Termin ist immer der wichtigste.

Nachmittags Englisch

Zwischen 14:00 Uhr und 15:00 Uhr Englisch. Anders geht es nicht beim Dozenten. Weiterbildung, die auf den Feierabend geht, abends als Stunde drangehangen wird, weil Weiterbildung in gemeinsamer Vereinbarung mit der Geschäftsführung  von der Arbeitszeit outgesourct wurde. Man wendet gleich seine frischen Kenntnisse in Englisch an. Ab 15:00 Uhr wieder am Platz. An welchem? Telefonate in schwindelerregender Taktung. Wer ist man eigentlich? Hundert Informationen müssen in Sekundenschnelle sortiert und zugeordnet werden. Ein Kollege ist seit Tagen krank. Man hat seine Kunden vorübergehend übernommen. Bedienen kann man sie nicht. Vertrösten. Nach 17:00 Uhr noch schnell eine Kalkulation für die Angebotserstellung. Bis 19:00 Uhr weitere Telefonate. Schluss. Aus. Hunger. Dönerbude auf dem Rückweg.

Abends noch eine Schulung, von der der Chef nichts weiß

20:00 Uhr Psychotherapie. Eine Schulung der anderen Art. Man wird zu Mensch und darf erzählen. Mensch, erzähl doch mal! Es geht um Ängste, zu versagen, um Leistungsdruck, um familiäre Reibereien, um zu wenig Zeit mit den Kindern. „So geht das nicht weiter“, sagt die Therapeutin. „Wenn das so nicht weiter geht“, sagt Mensch, „dann müssen wir die Therapie abbrechen.“ „Nein, ihr Leben. Sie müssen ihr Leben verändern.“ „Sie leben doch davon, dass Menschen ihr Leben nicht verändern. Und verdienen Geld damit. 25 Stunden erst einmal. Die sind gebucht. Ich bin Ihr Kunde!“ „Ja, das ist richtig. Aber nichtsdestotrotz müssen Sie Ihr Leben ändern. Die Krankenkasse zahlt nur noch diesen Sitzungsblock. Wir kommen mit der Zeit nicht hin, wenn Sie jetzt nichts tun.“ Mensch steht auf und geht zum Fenster, schaut unten in den Abgrund. Er erkennt die Sicherheitsfenster. Schlösser, die verriegelt sind. Einer von vielen muss da unten mal gelegen haben. Man ist vorsichtig geworden. Es muss immer erst was passieren. Etwas Dramatisches. So sind Menschen.

Neuen Kommentar schreiben